Fragen nach Stärken und Schwächen

„Wenn ich hier alle meine Stärken aufzählen müsste, würde dies den zeitlichen Rahmen dieses Vorstellungsgespräches sprengen.“

 

Irgendwann kommen sie immer – die Fragen nach Stärken und Schwächen. Aber man ist ja darauf vorbereitet durch die Lektüre diverser Ratgeber über das “Führen von Vorstellungsgesprächen“. Oder?

Was lesen wir denn da? Zum Beispiel: „Wichtig bei der Aufzählung von Stärken ist es, diese auch mit kurzen Beispielen aus der bisherigen Berufserfahrung oder privatem Engagement zu belegen. Die Schwächen sollten so vorgetragen werden, dass diese wiederum als Stärken interpretiert werden können. Sagt man beispielsweise, dass man gelegentlich zu viele Aufgaben auf einmal angeht, zeigt das, dass man sehr eifrig und motiviert arbeitet“ (aus einem Berufsratgeber für Studenten). Oder weitere Vorschläge zu “positiv formulierten“ Schwächen: „...arbeite mit einem zu hohen Detaillierungsgrad“, „bin oft zu ungeduldig“, „will immer mehr als 100%“, „bin selten mit der Zielerreichung zufrieden“ oder „ständig konstruktiv unzufrieden“, ...etc.

 

Offen gesagt: Die Recruiter und HR-Manager in den Unternehmen können das alles nicht mehr hören. Viele sind inzwischen geneigt zu antworten: „Das ist ja furchtbar – sind Sie damit in ärztlicher Behandlung?“

Auf jeden Fall müssen sie sich dann bei derartigen “gelernten“ Standard-Antworten auch auf recht unangenehme Rückfragen einstellen, z.B.: „Heißt das, Sie können keine Prioritäten setzen?“, „Sie sind also eher der detailorientierte Spezialist als der zielorientierte Manager?“, „Entsteht Ungeduld nicht auch durch eine vorherige falsche Einschätzung von Lösungskompetenz und Zeitbudget?“, „Liegt eine Unzufriedenheit mit der Zielerreichung nicht auch an einer mangelhaften Zieldefinition?“, usw.

 

Da Sie in der Regel im Vorstellungsgespräch von Ihren Gesprächspartnern aus unterschiedlichen Intentionen nahezu immer über Ihre Stärken und Schwächen befragt werden, sollten Sie sich dennoch über diese Fragestellungen und Ihre etwaigen Antworten Gedanken machen. Verfallen Sie aber dabei nicht dem Fehler, indem Sie glauben, einen Ratgeber über Vorstellungsgespräche alleine gelesen zu haben und die “Paradeantwort“ für sich exklusiv beanspruchen zu können.

Und bedenken Sie: Jeder hat Schwächen. Wichtig dabei ist, dass Sie Ihre Schwächen erkennen und diese entweder akzeptieren oder verändern möchten.

Hinsichtlich positions- und aufgabenbezogener Schwächen wäre es für einen fragestellenden HR Manager hilfreich, von Ihnen zu hören, dass Sie sich bereits in einem positiven Veränderungsprozess befinden und an sich diesbezüglich arbeiten.

 

Geben Sie jeweils eine individuelle Antwort, die in den Rahmen des persönlichen Anforderungsprofiles der vakanten Position passt und natürlich Ihrer Persönlichkeitsstruktur entspricht. Eine ehrliche Antwort oder eine originelle – aber auf jeden Fall eine authentische.

Die guten Unternehmen suchen Typen!

 

TU / Jochen Trockle